Welche Gründe führen zu Wurzellängsfrakturen?

Es gibt zwei Komplexe von Risikofaktoren:

1. Von Zahnärztinnen und Zahnärzten kontrollierbare Risikofaktoren

Von Zahnärztinnen und Zahnärzten grundsätzlich kontrollierbare Risikofaktoren für Längsfrakturen betreffen Füllungen, Kronen und Zahnersatz.

  • Zahnverluste ohne Zahnersatz, weil die Restzähne höher belastet werden,
  • nicht exakt angepasste Kauflächen an Füllungen, Kronen und Zahnersatz
  • nicht angemessene Belastung durch Zahnersatz
  • überharte, aus Keramik oder Nichtedelmetall angefertigte Funktionsflächen an Zahnersatz

Wurzellängsfrakturen ging in rund 90% der Fälle eine Wurzelbehandlung voraus. Risikofaktoren sind bei Wurzelbehandlungen und der nachfolgenden Versorgung wurzelbehandelter Zähne :
(nach Tang W,et al wie vor)

  • unnötige Substanzverluste und Schwächungen des Zahns beim Eröffnen der Kanalzugänge.
  • nicht adäquates Erkunden der Feinstrukturen der Kanalanatomie.
  • Unkenntnis, Nachlässigkeiten und Eile bei der Aufbereitung des Wurzelkanals (Instrumententyp, Abnutzungsgrad von Instrumenten, exakte Ermittlung der Aufbereitungslänge, Präzision und Vorsicht bei der Führung der Instrumente, Vermeiden unnötigen Drucks auf die Kanalwand, nicht ausreichendes Entfernen von Bohrspänen während der Aufbereitung uvm.).
  • Kollateralschäden bei der Spülung des Wurzelkanals.
  • Kollateralschäden bei der Wurzelfüllung.
  • Verkanten und Verklemmen von Instrumenten jeder Art im Wurzelkanal
  • viele Kriterien der Stiftauswahl.
  • Präzision und Dimension der Stiftpräparation.
  • Materialauswahl und Verfahren beim Kleben bzw. Zementieren von Wurzelstiften.
  • Planung und Präzision der Ausführung von Aufbaufüllungen (Verankerung, Belastbarkeit, Verbund mit der Zahnsubstanz).
  • nicht ausreichende Umfassung der bruchgefährdeten Wurzel durch die künstliche Krone.
  • Versäumen einer notwendigen Kronenverlängerung.
  • Versäumnis, den bruchgefährdeten Zahn rechtzeitig mit einer Krone zu schützen.
  • nicht adäquate statische und kaudynamische Planung der Kronenpräparation.
  • mangelnde Passgenauigkeit der Krone am Rand und an der Kaufläche.
  • mangelnde Sauberkeit, Dichtigkeit und Stabilität der Zementierung.

2. Trotz aller Sorgfalt bleiben nicht kontrollierbare Risikofaktoren bestehen:

  • Regional unterschiedliche Kau- und Ernährungsgewohnheiten
  • Zähneknirschen und Pressen
  • Unfälle

Wie stabil ist ein Zahn nach einer Wurzelbehandlung?

Die Stabilität hängt von der Defektgröße und der Art der Versorgung nach der Wurzelbehandlung ab. Belastungstests an entfernten Zähnen ergeben etwa folgende Werte - fachgerechte Behandlung vorausgesetzt.

Belastbarkeit in Prozent
gesunder Zahn100
Nur Füllung, keine Wurzelbehandlung
a) aus Kunststoff oder Keramik in Klebetechnik
kleine Füllung100
mittlere Füllung80-100
große Füllung70-80
b) aus Amalgam, Gold oder provisorisch
kleine Füllung80-90
mittlere Füllung70-90
große Füllung50-80
Wurzelbehandlung und anschließend
a) Kunststoff oder Keramik in Klebetechnik
kleine Füllung70-90
mittlere Füllung50-70
große Füllung30-50
b) Amalgamfüllung, Goldinlay oder provisorische Füllung
kleine Füllung50-70
mittlere Füllung30-50
große Füllung10-20
c) Krone in optimaler Ausführung mit geklebtem Aufbau
mittlerer Substanzdefekt100-200
großer Substanzdefekt mit Wurzelstift80-120
d) Krone mit Wurzelstift in fehlerhafter Ausführung5-50

 

Unsachgemäßes Vorgehen kann eine sofortige Fraktur oder extrem reduzierte Stabilität ergeben.

Welche Zähne sind betroffen?

Die großen Backenzähne im Unterkiefer und die kleinen Backenzähne im Oberkiefer sind besonders frakturgefährdet. Anatomische Schwachpunkte und die Kaukraftverteilung spielen dabei eine Rolle. Etwa 50% aller Frakturen betreffen diese Zähne.

Welche Arten von Rissen gibt es?

Man unterscheidet:

Schmelzrisse reichen von der Oberfläche bis an die Oberfläche des Zahnbeins, wo das Riss-Wachstum durch die Struktur des Zahnbeins fast immer gestoppt wird. Sie machen keine Schmerzen und erfordern keine Behandlung.

Höckerfrakturen entstehen mit dem Verlust eines Zahnhöckers. Sie verlaufen durch Schmelz und Zahnbein, tiefe Frakturen auch durch das Zahnmark. An der Bruchfläche besteht Empfindlichkeit auf Heiß-Kalt-Süß. Je nach Größe und Belastung kann eine geklebte Füllung, eine Teilkrone oder eine Krone erforderlich sein.

Schmelz-Dentin-Risse (auch "Infrakturen" oder "Cracks" genannt) reichen von der Oberfläche bis tief in das Zahnbein. Beim Kauen bewegen sich die Teile an der Bruchfläche minimal gegeneinander und lösen damit Schmerzen aus. Schmelz-Dentinrisse sind oft schwer erkennbar. Nach einiger Zeit dringen Keime aus der Mundhöhle ein. Unbehandelt führen Schmelz-Dentin-Risse zur Entzündung des Zahnmarks und zum Zerbrechen des Zahns, also zum Zahnverlust. Eine rasch angefertigte Krone schützt den Zahn davor. Mehr: Siehe Download Längsrisse /Schmelz-Dentin-Risse

Kronen-Wurzelfrakturen beginnen an der Kaufläche und enden mehr oder weniger tief in der Wurzel. Das Bruchstück hängt am Zahnfleisch. Der betroffene Zahn schmerzt beim Kauen und auf Kälte. Tiefe Frakturen bedeuten Zahnverlust. Bei weniger tiefen Frakturen kommt eine Krone in Frage, nachdem zuvor die Bruchfläche mit einer Kronenverlängerung oder kieferorthopädisch durch Verlängern des Zahns freigelegt wurde. Mehr Siehe Download / Längsrisse /Kronen-Wurzelfrakturen

Gespaltene Zähne

Gespaltene Zähne sind vollständig längs gebrochen. Sie schmerzen beim Kauen und manchmal auf Kälte.

Wurzel-Längsfraktur

1. Partielle Risse beginnen an der Wurzelkanalwand und enden irgendwo innerhalb der Wurzelwand. Sie können unter Belastung zu vollständigen Rissen wachsen. Nur sehr wenig ist über Einzelheiten des Risswachstums bekannt.

2. Vollständige Risse durchziehen die gesamte Wand der Wurzel. Sie werden meist erst nach etlichen Wochen oder gar Monaten durch Symptome offenbar.

(nach Tang W, Wu Y, Smales RJ. Identifying and reducing risks for potential fractures in endodontically treated teeth. J Endod. 2010;36(4):609-17)

(siehe dazu Ferrari M1, Cagidiaco MC, Grandini S, De Sanctis M, Goracci C. Post placement affects survival of endodontically treated premolars. J Dent Res. 2007 Aug;86(8):729-34.
Mancebo JC, Jiménez-Castellanos E, Cañadas D.: Effect of tooth type and ferrule on the survival of pulpless teeth restored with fiber posts: a 3-year clinical study. Am J Dent. 2010 Dec;23(6):351-6.)

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