Überwindung von Stufen aus früheren Aufbereitungsversuchen

Wie entstehen Stufen?

Stufen können entstehen, wenn

  • eine unsachgemäß angelegte Zugangsöffnung keinen geradlinigen Weg in den Kanal eröffnet
  • der Behandler die Anatomie des Zahnes oder die Verlaufsrichtung eines Wurzelkanals nicht erfasst hat
  • die Aufbereitungslänge nicht korrekt ermittelt oder nicht genau genug beibehalten wird
  • in einem gebogenen Kanal nicht vorgebogene, gerade Instrumente verwandt werden
  • nicht hinreichend flexible Instrumente verwandt werden
  • Druck auf Instrumente gebracht wird, anstatt sie so zu führen, dass sie sich ihren Weg selbst suchen
  • in einer Kanalkrümmung das Instrument nach außen abweicht und in der dabei entstandenen Ecke hängen bleibt
  • von der korrekten Instrumentenabfolge der Aufbereitungssystematik abgewichen wird
  • ein im Durchmesser zu großes Instrument voran gedrückt wird, bis es hängen bleibt
  • eine Feile zu lange Zeit im Kanal rotiert
  • versäumt wurde, nach jeder Feile die Feilspäne aufzulockern und sorgsam mit reichlich Spüllösung zu entfernen
  • versucht wird, abgebrochene Wurzelkanalinstrumente zu entfernen
  • bei einer Revision eine vorhandene Wurzelfüllung mit rotierenden Instrumenten entfernt wird
  • wenn versucht wird, kalzifizierte, mit Dentin zugewachsene Kanäle durchgängig zu machen

Eine Stufe im Wurzelkanal kann sich schon durch sehr wenig Druck auf einer endodontischen Feile ausbilden. Weitere Instrumente bleiben dann auf dieser Stufe stecken. Jenseits der Stufe besteht die Infektion jedoch weiter. Sie kann nun nicht mehr von oben bekämpft werden, womit die Prognose des Zahnes sich sehr verschlechtert.

Zusammen mit Stufen trifft man häufig sogenannte Blockaden. Blockaden entstehen, wenn bei der Aufbereitung entstehende Feilspäne nicht hinreichend oft und gründlich durch immer wieder eingeschobene Spülvorgänge und Ultraschallanwendungen entfernt werden. Zurückgebliebene Feilspäne werden mit der nächsten Feile Richtung Kanalende geschoben und sammeln und verdichten sich immer mehr, bis der Kanal für das nächstfolgende Instrument versperrt ist.

Wird an einer Blockade Druck ausgeübt, so verdichtet sich die Blockade noch mehr. Zugleich erzeugt der Druck nun zwangsläufig eine Stufe. Beim Versuch, eine Stufe in einem noch nicht blockierten Kanal zu glätten, werden vermehrt Feilspäne erzeugt. So kann das Bemühen, eine Stufe zu entfernen, eine Blockade verursachen.

Wie werden Stufen überwunden?

Zu Beginn steht eine detaillierte Analyse der zu erwartenden Probleme anhand der Röntgenbilder und der mikroskopischen Befunde. Der Reihe nach sind alle ursächlichen Einzelfaktoren zu korrigieren. In jedem Fall ist wiederholtes, ausgiebiges und mit Ultraschall unterstütztes Spülen notwendig. Erst wenn alle verklemmten und verbolzten Feilspäne entfernt sind, kann die Stufe angegangen werden.

Mit speziell vorgebogenen, sehr feinen Instrumenten und dem Operationsmikroskop können Stufen umgangen und im Anschluss vorsichtig glatt gefeilt werden. Während eine Stufe in Sekunden entstehen kann, vergeht beim Beseitigen der Stufe schnell eine Stunde oder mehr Zeit. Die eigentliche Aufbereitung des Kanals und die weitere Behandlung erfolgt dann wie unter „Ziele und Ablauf einer Revision" beschrieben.

Beispiel einer Stufe:

Wenige Minuten nach Behandlungsbeginn entstand das Röntgenbild des vorbehandelnden Zahnarztes. Es folgte die Empfehlung, entweder den Zahn zu entfernen oder einen Spezialisten aufzusuchen.

Die vordere äußeren Wurzel ist stark gekrümmt. Das eingeführte Instrument liegt vor der Krümmung. Ca.60 % des Kanals sind nicht erfasst. Aufbaufüllung und Kofferdam fehlen.

Erneutes diagnostisches Röntgenbild. Undichte provisorische Füllung mit Karies (Pfeile). Keime aus der Mundhöhle haben freien Zutritt und besiedeln das gesamte Kanalsystem.
Klinischer Zustand. Undichte provisorische Füllung
Großer Substanzdefekt nach Entfernen der Karies. Blick auf die Kanaleingänge. Vorn außen ist der stark gebogene Kanal mit der Stufe (Pfeil).
Kofferdam, Erstellen der Aufbaufüllung in vielen Schichten.
25-fache Vergrößerung. Blick in die Tiefe des Kanals mit einem Miniaturspiegel (Ø 5 mm). Nach Vorreinigung werden über der Stufe verbolzte Feilspäne sichtbar, kenntlich an der hellen Farbe (roter Pfeil).
Röntgenbild mit Darstellung der korrekten Arbeitslänge in zwei Kanälen und der vollständig gereinigten, noch unbearbeiteten Stufe. Der grüne Pfeil deutet auf den noch unbehandelten Abschnitt des natürlichen Wurzelkanals in der Wurzelmitte. Die Spitze des Silberstifts steht auf der Stufe. So ist markiert, wie weit die Stufe vom korrekten Weg abweicht.
Der ursprüngliche Kanal ist an den weißen Feilspänen erkennbar. Hier setzt die feinste erhältliche Feile mit 0,06 mm Durchmesser sehr behutsam an.
Viele Minuten später: geschafft! (grüner Pfeil) Die Blockade ist überwunden, die Feile findet nun den Weg zum Kanalende unter ständigem Spülen. Die nachfolgenden Größen 0,08 mm, 0,10 mm, 0,12 mm und 0,15 mm erarbeiten den Gleitpfad und bereiten die neue Röntgenmessaufnahme vor.
Alle Feilen werden entsprechend dem Kanalverlauf vorgebogen, bis 0,15 mm Durchmesser erreicht sind.
Neue Messaufnahme mit korrekter Arbeitslänge.
Nach Aufbereiten und Spülen ist der Zahn bereit für die Wurzelfüllung.
 
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