Endo-Revision an Backenzähnen (Molaren)

Bei den mehrwurzeligen großen Backenzähnen (Molaren) ist der Schwierigkeitsgrad der Behandlung besonders hoch. Bedingt wird dies durch den schwierigen Zugang, den geringeren Abstand zwischen den Zähnen und eine kompliziertere Anatomie: Mit dem Operationsmikroskop entdecken wir in Einzelfällen bis zu sieben Kanäle. Zwischen diesen Kanälen einer Wurzel gibt es bei Molaren häufig filigrane Verbindungsschlitze oder – Kanäle (Isthmen).

Trotz dieser Eigenschaften erzielen wir auch bei den Molaren gleich gute Erfolge wie bei den vergleichsweise einfach aufgebauten und gut zugänglichen Frontzähnen.

Fallbeispiel 1

Seit 11 Jahren chronische schubweise auftretende Schmerzen an Zahn 17 bei 48-jähriger Patientin. Der bisherige Zahnarzt sah keinen Handlungsbedarf bzw. keine Möglichkeit, die Lage zu verbessern. Die Patientin griff immer wieder in Eigenregie zu Schmerzmitteln. Erst nach dem Zusammenbruch von Zahn 15 suchte die Patientin andere Wege.

Das Ausgangsbild im Jahr 2014: 14 Jahre zuvor war eine Wurzelfüllung an Zahn 17 erfolgt. Eine große Füllung ist vorhanden. Die Zähne 14, 15 und 16 hatten Wurzelspitzenresektionen erhalten - von einem Chirurgen ohne endodontologische Ausbildung und ohne Mikroskop.

Anfangs-Röntgenbild 2014: Zahn 15 hatte keinen ausreichend stabilen und dichten Aufbau erhalten. Karies war lange ignoriert worden. Inzwischen war so viel Substanz durch Karies zerstört worden, dass der Zahn entfernt werden musste. Eine große entzündliche Knochenläsion (roter Umriss) liegt vor - als Folge der fortbestehenden Infektion im Wurzelkanal von Zahn 15. Nach Entfernen von 15 wird die Knochenläsion von allein abheilen - ohne weitere Maßnahmen.

Die Zähne 14 und 16 erlitten Wurzel-Längsfrakturen, wohl hauptsächlich durch unsachgemäße nicht substanzschonende Aufbereitung und Wurzelfüllung. Daher mussten auch die Zähne 14 und 16 entfernt werden.

Diagnose- Röntgenbild: Zahn 17 mit drei Wurzeln. In zwei Wurzeln zu kurze und im Verhältnis zum normalen Kanaldurchmesser zu dünne, somit unvollständige Wurzelfüllung.

Diverse Spalten mit Karies (rote Pfeile) zwischen den „aneinander geflickten” Füllungen.

Alle Füllungen wurden ohne Kofferdam hergestellt.

Massiv verkeimter Boden der Pulpakammer nach Entfernen der Füllungen.

Nach vollständigem Entfernen allen Füllmaterials und der Karies erhielt der Zahn einen sehr großen präendodontischen Aufbau. Die nicht erhaltungsfähigen Zähne sind bereits entfernt.

Ein Langzeitprovisorium wurde nach entsprechender Präparation zum Schutz des Zahnes vor Fraktur mit hartem Zement keimdicht fest eingesetzt. Nach Anlegen von Kofferdam wurde das Langzeitprovisorium eröffnet. Ein fauliger Geruch füllte den Raum.

Einfaches Tasten mit der Sonde am Pulpakammerboden förderte größere Mengen an zersetztem Gewebe (roter Pfeil) ans Licht.
Ein unbehandelter Wurzelkanal (roter Pfeil) wurde unmittelbar neben einem unzulänglich gefüllten Wurzelkanal (orangener Pfeil) in der gaumenseitigen Wurzel aufgefunden.
Erstes desinfizierendes Spülen hat die Keimzahl reduziert und die Übersicht verbessert. Es fand sich in der vorderen Wurzel ein weiterer unbehandelter Wurzelkanal mit winzigem Durchmesser (roter Pfeil), erkennbar als kleiner weißer Punkt, weil sich beim Bohren hier weiße Bohrspäne einpressen. Beim Vertiefen der Bohrung dienten diese Bohrspäne als Leitlinie.
Weiteres Bohren zeigte: Auch in etwa 3 mm Bohrtiefe (=Distanz zwischen den blauen Pfeilspitzen) war der unbehandelte Kanal (rote Pfeilspitze) enger als das kleinste verfügbare Instrument (60µm). Ein dritter unbehandelter Kanal liegt in der hinteren äußeren Wurzel (orangener Pfeil)
Massiv mit Keimen kontaminierte entfernte Wurzelfüllung aus rosa Guttapercha.
Im nächsten Kanal war die Keim-Kontamination noch größer.
Grobe Verunreinigungen wurden zum Teil mit Papierspitzen aufgenommen.
Unter Einsatz von Lösungsmittel wurden weitere Verunreinigungen mit Papierspitzen aus den Kanälen aufgesaugt. Hier die fünfzigste(!) Papierspitze; viele weitere waren nötig.
Unter weiterem Spülen und Reinigen wurden mit sehr feinen Handinstrumenten fünf Kanäle erschlossen, bis sich fünf Silberstifte von 0,1 mm Durchmesser als Röntgenkontrast einführen ließen (in der häufigsten Variante hat Zahn 17 drei Kanäle.)
Die elektronische Längenmessung im Mehrfrequenzverfahren erlaubt, die Silberstifte auf 0,1mm genau mit der Spitze am Kanalende zu platzieren.
Ein Röntgenbild, die sogenannte Messaufnahme, dient dem Abgleich der elektronischen Messung mit der Wurzelanatomie sowie der Dokumentation.Mit dieser Information erfolgte die vollständige Aufbereitung und Erweiterung aller fünf Kanäle bis zum Durchmesser von 0,4 mm an der Spitze, was etwa 0,9 mm Durchmesser am Kanaleingang entspricht.

Zur Vor-Desinfektion und insbesondere zum Abtransport der im Kanal erzeugten kleinen Feilspäne wurde bei der Aufbereitung ständig gespült. Die gröberen Feilspäne wurden immer wieder von der Feile an einem sterilen Schwämmchen abgestreift.

Jedes Instrument wurde dabei ständig mit der elektronischen Längenmessung kontrolliert genau bis zum Kanalende geführt.

Zustand nach

  • Aufbereiten
  • umfangreicher zeitaufwändiger desinfizierender Spülung mit 5% Natriumhypochlorid und 17% EDTA mit Ultraschallunterstützung
  • sieben Tagen Zusatzdesinfektion mit Einlage von stark alkalischem Kalziumhydroxid in wässriger Suspension
  • Keimdichtem Verschluss mit adhäsiv befestigtem kaustabilen Kunststoff-Füllmaterial in der Qualität einer endgültigen Füllung
  • erneutes Anlegen von Kofferdam und Eröffnen des Zahnes
  • Entfernen der desinfizierenden Einlage mit Ultraschall-Unterstützung
  • erneutem desinfizierenden Spülen mit Natriumhypochlorid und EDTA mit Ultraschallunterstützung
  • Trocknen

Die blauen Pfeile weisen auf die zwei gaumenseitigen Kanäle, welche nur in anderer Blickrichtung sichtbar werden.

Bei der Wurzelfüllung in warmer Technik wurden mit verflüssigter Guttapercha die Kanalsysteme einschließlich der vielen Verästelungen und Verzweigungen vollständig versiegelt.


In der gaumenseitigen Wurzel wurden nur die Kanalendabschnitte auf 4 mm Länge mit Guttapercha abgedichtet. Der verbliebene Raum hat einen hochfesten Wurzelstift aus Zirkonoxidkeramik mit adhäsiver Befestigung aufgenommen. Die Klebekräfte erreichen dabei ca. 10 Kg Zugbelastbarkeit je mm² Klebefläche.


Mehr: Siehe Stiftaufbauten - Die Fundamente


Der weitere Aufbau erfolgte schichtweise mit Lichthärtung gleichfalls mit adhäsiver Befestigung.

Röntgenkontrolle nach Behandlung. Die zwei Kanäle in der gaumenseitigen Wurzel sind mit der Aufbereitung vereinigt worden (grüner Pfeil). Der Zahn 17 war nun schmerzfrei. Beschwerden traten nie wieder auf.
Erneute Kontrolle 12 Monate nach Behandlung. Für den Ersatz des verlorenen Zahnes 16 wurde ein Implantat eingebracht.
Drei Jahre sechs Monate nach Wurzelbehandlung an Zahn 17, zwei Jahre nach Einsetzen der Brücke auf den Implantaten.
Drei Jahre sechs Monate nach Behandlungsabschluss: Zwei Implantate 14 und 16 tragen eine vollkeramische Brücke zum Ersatz der Zähne 14, 15 und 16. Ansicht von innen.

Ansicht von außen bei weit abgehaltener Wange. Die Patientin pflegt ihre Zähne und Implantate sehr gewissenhaft.  Das Zahnfleisch ist straff, blass und blutungsfrei.


Zahn 17 ist der einzige verbliebene natürliche Backenzahn auf dieser Seite. Für das Kauvermögen und für die Langzeitstabilität der gesamten Arbeit hat Zahn 17 nicht nur als Kauorgan besonderen Wert:


Implantate sind gefühllos und geben dem Besitzer keinerlei Information über die aktuelle Kaubelastung. Das Tastvermögen an Zahn 17 ist die einzige Möglichkeit für die Patientin, die tatsächlich für die Kauarbeit notwendigen Kaumuskelspannungen entsprechend der Beschaffenheit der Nahrung angemessen zu dosieren.


Patienten mit rein implantatgetragenem Zahnersatz ohne eigene Zähne kauen erfahrungsgemäß sehr häufig mit bis zu fünffach überhöhter Kraft, ohne dies wahrzunehmen. Damit erzeugen sie unbewusst und unbemerkt gehäuft Überlastungsschäden wie z.B.

  • Keramikbrüche an Kronen und Brücken,
  • schmerzhafte Überlastungen von Kaumuskeln und Kiefergelenken
  • Lockerungen von Implantatschrauben und sogar gelegentlich
  • Implantatbrüche

Dies mindert die Langzeitprognose von implantatgetragenem Zahnersatz im Vergleich zu zahngetragenem Zahnersatz.


Nach Sanierungsabschluss waren hier keinerlei zahnärztliche Behandlungen mehr erforderlich. Das Kauvermögen ist uneingeschränkt wie in einem naturgesunden Gebiss.


Alle sechs Monate nimmt die Patientin regelmäßig unsere Prophylaxe mit professio-neller Zahnreinigung, Mundhygienekontrolle und allgemeiner eingehender Untersu-chung in Anspruch.


Die Patientin ist völlig frei von allen früheren Beschwerden, die sie so lange Zeit belastet hatten. Sie hat ihre Lebensfreude zurückgewonnen. Bei jedem Kontrolltermin freuen wir uns im Praxisteam an ihrem entspannten, befreiten Lächeln.

Fallbeispiel 2

Zahn 36 bei 53-jähriger Patientin

Abb. S2-001
unvollständige Wurzelfüllung an Zahn 36
Abb. S2-002

Präendodontische Aufbauten nach Hemisektion des Zahnes

Abb. S2-005
Röntgenkontrolle der neuen Wurzelfüllung
Abb. S2-006
2 Jahre nach Behandlung
5 Jahre nach Behandlung
5 Jahre nach Behandlung

Neun Jahre nach Behandlungsabschluss.


Volle Funktion, keinerlei Beschwerden.


Die einzige Veränderung in den sechs Jahren seit dem vorangehenden Foto ist ein Zahnfleischrückgang an der vorderen Wurzel um ca. 1 mm.


Die Patientin (inzwischen 71 Jahre alt) hat in bester Absicht durch zu großen Druck bei der Zahnreinigung eine kleine Kerbe erzeugt (grüner Pfeil) - neben einer größeren gleichartigen Kerbe am Nachbarzahn (gelber Pfeil). Eine schonendere Reinigungstechnik mit einer speziellen Bürste hat die Prophylaxefachkraft vermittelt und eingeübt. Eine Reparaturfüllung wäre möglich, ist derzeit jedoch nicht sinnvoll. Die regelmäßige Prophylaxe wird fortgesetzt.

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